antischöpfung

die vorstellung des chaos
text von gottfried van swieten und von emma

2024-2026

im anfange schuf gott himmel und erde,
und die erde war ohne form und leer,
und finsternis war auf der fläche der tiefe.

finsternis
gott schuf die augenhöhle
dunkle schatten auf dunkler wand
die wahllosigkeit
die masse, formen über formen doch formlos und leer
den elektrischen impuls
die schreckgespenster platons
und die unserer eigenen ohnmacht
den tiefen schlaf und den traum
und seine rücksichtslose dunkelheit
und die dunkelheit der hoffnung und die des wunsches

gott schuf die hinterzimmergespräche
den machtmissbrauch
und die dunkle gasse
die ölmagnaten und die kraft der magneten 
die starke und die schwache kraft 
die schwerkraft
die unsichtbare anziehung

und die geheimnisse, die man bloß unsichtbar teilt
unter der decke oder dem himmelszelt, das gott schuf
und im wasser, das gott schuf

und gott schuf die sichtbare dunkelheit, die schöne 
die braune erde oder die rote und den sand
und die würmer und den torf 
und gott schuf die rückseite der arbeitenden hände
gott schuf auch die wimpern
das auge verschließend, die augenhöhle 
die finsternis erneut erschaffend

und der geist gottes
schwebte auf der fläche der wasser,
und gott sprach: es werde licht!
und es ward licht.

licht
gleißendes licht
gott schuf die reflexion auf dem wasser
die reflexion im spiegel und die in unserem telefon
und die im polierten edelstahl einer industrieküche

gott schuf den diamanten 
und die blutlust des glanzes, des mehr und des schöner
und gott schuf das geld und das gold
strahlend hell und voll verheißung
gott schuf die gala und das gipfeltreffen 
gott schuf das glockenhelle lachen der kinder
und gott schuf die sonne



und gott sah das licht, daß es gut war,
und gott schied das licht von der finsternis. 

und gott schuf den schmalen unterschied
zwischen augenhöhle und höhlengleichnis und lagerfeuer und flammenwerfer
und gott schuf das und 
und das beides 
und den widerspruch
den protest und das lebenswerte doch und das dennoch und den trotz
und gott schuf die dialektik
das übereinkommen am nächsten morgen
das umarmen dann, die reuige umarmung
und die ahnung
und die beichte 

nun schwanden vor dem heiligen strahle 
des schwarzen dunkels gräuliche schatten: 
der erste tag entstand. 

er schuf ihn lang und schuf ihn schön
und er schuf ihm einen lockenden schopf zum greifen
schuf ihm tau am morgen
und schuf ihm früchte

und gott schuf auch den tagesplan
die dunklen gardinen
die müde verquollenen augen
und aber den willen 
und das wieder
und die süchte 
und die suche nach gestern
und das vogelzwitschern und die vorfreude
die verliebt den tag herausfordern mag 

und die atomuhr
und das schrille kreischen der sirenen
und den vorschlaghammer
und new. york. city.
und bangkok und berlin

verwirrung weicht, und ordnung keimt empor. 
erstarrt entflieht der höllengeister schar 
in des abgrunds tiefen hinab 
zur ewigen nacht.

so schuf gott auch die einsamkeit
die sicherheit
und die leise ahnung, die von ihrer fehlbarkeit

gott schuf den fremdling

gott schuf die frage

gott schuf den zweifel

die fleischige zwetschge und ihren stein
den keimenden frühling pflanzte er in die ordnung ein
den wildwuchs und das unkraut 
doch gott schrieb bücher über kräuter
er erfand kategorien 
die alchemie
die astronomie und die astrologie
und die philosophie
und den kategorischen imperativ

und gott schuf den zaun 
und den könig
und den panzer
und den grenzer
und den kanzler
und den tänzer 
ja gott schuf den sich immer wieder aufbäumenden mob
mutig wissend um die geister dort im wasser

verzweiflung, wut und schrecken
begleiten ihren sturz,
und eine neue welt
entspringt auf gottes wort.


jung liegt da die welt
sonnt sich im jungen licht
da schwebt das gottgeschaffene lachen
durchzuckt die gottgeschaffene leere

und gott schuf die langeweile
die dicke, drückende, die aufmerksamkeit fordert
und die leichte, freie, die aufmerksamkeit schenkt
die im wartezimmer alles sieht
und die gut zuhört
gott schuf die langstreckenflüge 
und die langen sommerabende

er schuf kurzhaarschnitte
kaiserschnitte
mutterkuchen
insulin
und tierversuche

inselstaaten schuf er
den liebeskummer schuf er
die lust
und den leopard, den schuf er
den leisen, der geschmeidig starken schrittes durch die savanne streift
der sich dem schatten der akazien sehnt
der seine trockene zunge verflucht
und der alleine jagt
die luftwaffe
die f16
also den falken schuf er

gott schuf die gänseblümchen
gott schuf die gänsehaut
und die geschichtsklitterung

die ganze haselnuss
und die halbe
den vollmond
und den halben
der doch rund ist und schön
die raumfahrt
und den traum
den albtraum
und die alpen

und den marder schuf er
den mit schwarzem und den mit weißem bauch
den flinken, wendigen, von der bundeswehr verehrten
der sich durch die unterwelt schlängelt
und der mit seinen reißzähnen beeren nascht
die mörsergranate
und den spähpanzer luchs
den transportpanzer fuchs
und das jagdflugzeug blitz
und den zynischen witz