die vorstellung des chaos

text und bild zum text von gottfried van swieten aus joseph haydns schöpfung

2026

im anfange schuf gott 
himmel und erde,
und die erde 
war ohne form 
und leer,
und finsternis 
war auf der fläche der tiefe.

finsternis

er schuf die augenhöhle
dunkle schatten auf dunkler wand
die wahllosigkeit
formen über formen
den elektrischen impuls
die schreckgespenster platons
und die unserer eigenen ohnmacht
den tiefen schlaf
und seine rücksichtslose dunkelheit
und die dunkelheit der hoffnung 
und die des wunsches

gott schuf die hinterzimmergespräche
den machtmissbrauch
und die dunkle gasse
die ölmagnaten 
und die kraft der magneten 
die starke und die schwache kraft 
die schwerkraft
die unsichtbare anziehung

und die geheimnisse, 
    die man bloß unsichtbar teilt
unter dem himmelszelt, 
    das gott schuf
und im wasser, 
    das gott schuf

und gott schuf die sichtbare 
    dunkelheit, die schöne 
die braune erde 
    oder die rote 
        und den sand
und die würmer und den torf 

er schuf die rückseite 
    der arbeitenden hände
und er schuf auch die wimpern
das auge verschließend, 
    die augenhöhle 
die finsternis erneut erschaffend

und der geist gottes
schwebte auf der fläche der wasser,
und gott sprach: 
es werde licht!
und es ward licht.

licht

gleißendes licht
gott schuf die reflexion auf dem 
    wasser
die reflexion im spiegel 
    und die in unserem telefon

gott schuf den diamanten 
und die blutlust des glanzes, 
    des mehr und des schöner

und gott schuf das geld und das gold
strahlend hell und voll verheißung
gott schuf die gala 
    und das gipfeltreffen 
er schuf 
    das glockenhelle lachen der kinder

und er schuf
    die sonne

und gott sah das licht,
daß es gut war,
und gott schied das licht
von der finsternis. 

und gott schuf den schmalen 
    unterschied
zwischen augenhöhle 
    und höhlengleichnis 
        und lagerfeuer 
            und flammenwerfer

und gott schuf das und 
und das beides 
und den widerspruch
den protest und das lebenswerte doch und das dennoch und den trotz

und gott schuf die dialektik
ja gott trennte für von wieder
also trennte sich schon wieder
trennte sich: umgrenzte sich 
und schenkte sich
schenkte dich und schenkte mich
als zwei 
und so erkenne ich dich

er schrieb die argumente nieder
errechnete den sog der finsternis
errechnete die kraft des lichts 
    das ihm entkommt
er schuf die vorfreude 
und schied sie vom jetzt
der erste tag entstand

nun schwanden vor dem heiligen 
strahle 
des schwarzen dunkels 
gräuliche schatten: 
der erste tag entstand. 

er schuf ihn lang und schuf ihn schön
und er schuf ihm einen lockenden 
    schopf zum greifen
schuf ihm tau am morgen
und schuf ihm früchte

verwirrung weicht, 
und ordnung keimt empor. 
erstarrt 
entflieht der höllengeister schar 
in des abgrunds tiefen hinab 
zur ewigen nacht.

so schuf gott auch die einsamkeit
die sicherheit
und die leise ahnung
    die von ihrer fehlbarkeit

gott schuf den fremdling

gott schuf die frage

gott schuf den zweifel

die fleischige zwetschge 
    und ihren stein
den keimenden frühling 
    pflanzte er in die ordnung ein
den wildwuchs 
und das unkraut 

und gott schrieb bücher über kräuter
er erfand kategorien 
die alchemie
die astronomie und die astrologie
und die philosophie
und den kategorischen imperativ

und gott schuf den zaun 
und den könig
und den panzer
und den grenzer
und den kanzler
und den tänzer 
und den sich immer 
            wieder 
                aufbäumenden mob
                mutig wissend 
                um die geister 
                dort im wasser

                stur erinnerd
                daran was war 
                als noch gar nicht
                irgendwas war

verzweiflung, wut und schrecken 
begleiten ihren sturz, 
und eine neue welt 
entspringt auf gottes wort.

gott schuf langstreckenflüge 
und lange sommerabende

er schuf kurzhaarschnitte
kaiserschnitte
mutterkuchen
insulin
und tierversuche
inselstaaten schuf er
den liebeskummer schuf er
die lust
die luftwaffe
die f16
also den falken schuf er

gott schuf die gänseblümchengott schuf die gänsehaut
und gott schuf die geschichtsklitterung

die ganze haselnuss
    und die halbe
den vollmond
    und den halben
    der doch rund ist und schön
die raumfahrt
und den traum
den albtraum
und die alpen

erdbeben, vulkanausbrüche
zucker und zahnarztbesuche

eiche, esche, birke, buche
lärche, lärche, eule, kuckuck
amsel, drossel, fink und star
und die ganze vogelschaar

du schufst wörter, ideen
davon was wir sehen
ein jedes ding
mit einem eigenen gesicht

halt meins in den händen
so außen, so anders
und gib mir einen kuss
und sieh dich durch mich

durchs nein
durch die trennung
des deinen vom meinen
du alles

du blendest, machst blind
dich nichts sieht man nicht
nur die vögel und maschinen
und ideen und das kind